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Maria Stuart (1542-1587)
Maria Stuart erblickte als einzige Tochter von Jakob V. (1512-1542),
dem König von Schottland, und seiner zweiten Frau, Marie de Guise
(1515-1560), am 7. oder 8.12.1542 das Licht der Welt. Da ihre beiden
älteren Brüder, Jakob, geboren im Mai 1540, und Arthur, geboren im
Jahr 1541, schon in der Wiege gestorben waren, wurde Maria nach dem
frühen Tod ihres Vaters bereits im Alter von sechs oder sieben Tagen
Königin von Schottland.
Im Alter von sieben Monaten verlobte man sie bereits mit dem sechsjährigen
Eduard VI., dem einzigen Sohn Heinrichs VIII. von England, den sie
mit 11 Jahren ehelichen sollte. Dieses Verlöbnis wurde jedoch schon
zwei Monate später, als Maria in Stirling zur schottischen Königin
gesalbt und gekrönt wurde, von der katholischen Partei, die in ihrem
Königreich zur Zeit wieder die Oberhand hatte, nicht anerkannt und
aufgelöst. Heinrich VIII. marschierte daraufhin in Südschottland ein
und plünderte Edinburgh und Holyrood und brannte jedes Dorf auf seinem
Marsch nieder. 1545 erfolgte bereits eine weitere englische Strafexpedition,
die Schottland in ein protestantisches und ein katholisches Lager
spaltete. Als Marias Königreich am 10.9.1547 vollkommen unter englische
Besatzungsmacht geriet, schickte ihre Mutter sie 1548 zu ihren Verwandten
nach Frankreich, wo Maria,selbst erst sechs Jahre alt, sogleich mit
dem vierjährigen, französischen Thronfolger Franz II. verlobt wurde.
Während sie nun mit den Geschwistern ihres zukünftigen Gatten am französischen
Königshofe aufwuchs, verwaltete ihre sehr attraktive, rothaarige,
lebhafte und sehr praktisch veranlagte Mutter mit Hilfe von französischen
Truppen Schottland. Die Ausbreitung des Protestantismus konnte sie
jedoch nicht verhindern.
Maria, die von ihrem Schwiegervater Henri II. sehr geliebt wurde und
auf ihre Schwiegermutter,Katharina von Medici,die sie abschätzig "Florentinische
Krämerstochter" nannte, hochmütig herabschaute, entwickelte sich zu
einer unermüdlichen Reiterin, einer leidenschaftlichen Jägerin, einer
geschickten Ballspielerin und zu einer hervorragenden Bogenschützin.
Von ihrem Mann und seinen jüngeren Geschwistern wurde sie, die stets
heiter und sorglos wirkte, geradezu angehimmelt, obwohl ihre Zeitgenossen
sie auch für. Tatsächlich besaß sie eine schnelle Auffassungsgabe
und ein gutes Gedächtnis. So beherrschte sie schließlich die klassischen
Sprachen, Latein und Griechisch, und auch die zeitgenössischen, Französisch,
Italienisch, Englisch, Schottisch und Spanisch. Außerdem konnte sie
hervorragend tanzen, Laute spielen, außerordentlich gut singen, Gedichte
schreiben und wie eine Meisterin sticken.
Mit 14 Jahren, als die kindlichen Körperformen allmählich verschwanden
und Maria sich zu einer hochgewachsenen (ungefähr 1,80-1,85 m), schlanken
und ungewöhnlich anmutigen Frau entwickelt hatte, wurde sie sofort
der Mittelpunkt am französischen Hof und eroberte die französischen
Männerherzen im Sturm.
Mit ihrem zarten, ovalen Gesicht, der etwas zu spitzen Nase, den weichen,
dunklen Augen, dem üppigen rotbraunen Haar, den langen, feinen, schneeweißen
Händen und der weichen, weißschimmernden Haut entsprach sie (fast)
vollkommen dem Frauenideal ihrer Zeit. So konnte sich ihr 14-jähriger
Bräutigam Franz II. glücklich schätzen, sie am 24.4.1558 ehelichen
zu dürfen.
Franz II., der älteste Sohn von Henri II. und Katharina de´ Medici,
wurde von seinen Zeitgenossen als schwach, zart, furchtsam und kränklich
beschrieben. Von seiner jungen selbstbewußten Frau, die er abgöttisch
liebte, wurde er völlig beherrscht.
1559 wurde die junge Schottin nach dem tragischen Tod ihres Schwiegervaters
Henri II. Königin von Frankreich. Doch diesen Titel trug sie nur ein
Jahr lang. Am 5.12.1560 starb ihr junger Gatte, der schon als kleiner
Junge unter Drüsenschwellungen und Ohreiterungen gelitten hatte, im
Alter von 16 Jahren an einem eitrigen Abszeß im Ohr.
Im August 1561 kehrte Maria nach 13-jähriger Abwesenheit wieder in
ihr schottisches Königreich zurück. Ihre Mutter, die vor einem Jahr
gestorben war, hatte nicht verhindern können, daß Schottland nun protestantisch
und von Frankreich wieder völlig unabhängig war.Maria war der Abschied
von dem Ort ihrer Kindheit sehr schwer gefallen, denn hier verwöhnte
und liebte man sie. Im rauhen Schottland, in dem sich mittlerweile
der Calvinismus vollkommen durchgesetzt hatte, begegnete man ihr,
der Katholikin, dagegen mit großem Mißtrauen. Sprach und unterhielt
sie sich doch selbst hier fast nur in Französisch.
In England regierte seit drei Jahren Elisabeth Ì, mit der sie
sich schon im Jahre 1558 überworfen hatte, da sie als Stuart nach
Maria Tudors Tod, der Cousine ihres Vaters, unberechtigterweise selbst
den Anspruch auf den englischen Thron erhoben hatte. Reibereien zwischen
der schottischen und englischen Königin waren seit dieser Zeit nicht
mehr auszuschließen.
Als verwitwete Königin schien nun ihre erste Pflicht zu sein, sich
sobald wie möglich neu zu vermählen, damit das Volk einen erbberechtigten
Nachfolger erhielt. An Bewerbern mangelte es natürlich nicht. Maria,
die als temperamentvoll, leidenschaftlich und feurig galt, verdrehte
den Männern nicht nur in ihrer Umgebung scharenweise den Kopf. So
wurden u.a. Don Carlos, der mißratene Sohn Philipps II., und ihr Schwager
Karl IX. von Frankreich als potentielle Ehegatten vorgeschlagen. Maria
war jedoch, nachdem sie ihren 19-jährigen, bildhübschen, wohlgebauten
und fröhlichen Cousin Henry Darnley Stuart(1546-1567) - Henrys Mutter
und Marias Vater waren Halbgeschwister - kennengelernt hatte, nicht
mehr bereit, eine Vernunftehe einzugehen. Wie immer in ihrem Leben
stellte sie ihre Gefühle über die Vernunft. Und obwohl diese kurzsichtige
Handlungsweise sich letztendlich immer schädlich für ihr weiteres
Leben auswirkte, konnte sie über ihre Leidenschaften nie Kontrolle
bekommen.
Die Hochzeit zwischen Maria und Henry fand am 28.7.1565 statt. Und
alles schien sich trotz der Proteste Elisabeths I., die für Maria
andere Ehegatten vorgesehen hatte, zum Besten zu entwickeln. Henry
Darnley war seiner Frau mit Leib und Seele hörig, und Maria wurde
schon bald schwanger und konnte ihrem Land den ersehnten Thronfolger
schenken. Erst zu spät erkannte Maria das wahre Gesicht ihres Mannes.
Hinter seiner zerbrechlichen Schönheit verbarg sich Eitelkeit, Arroganz,
Dickköpfigkeit, Skrupellosigkeit, Hinterhältigkeit, Brutalität und
absolute geistige Beschränktheit. Bereits in der Schwangerschaft sah
sie in ihrem einst so heißbegehrten Mann nur noch einen Taugenichts
und Trunkenbold. Statt mit ihm verbrachte sie die Abende lieber mit
ihrem neuen Vertrauten, dem italienischen Sekretär David Riccio, der
ursprünglich als Sänger an ihren Hof gekommen war.
Von entsetzlicher Eifersucht geplagt, drang Henry Darnley daraufhin
am 9.3.1566 mit einigen Adligen in Marias Hauptpalast Holyrood ein,
wo sie in einem kleinen Raum neben dem Schlafzimmer die Königin mit
David Riccio beim Abendessen überraschten. Während Henry Darnley seine
Frau festhielt, zerrten die anderen Riccio aus dem Zimmer und ermordeten
ihn vor der Tür des Audienzzimmers. Wegen dieses kaltblütigen Verbrechens
begann Maria, ihren Mann abgrundtief zu hassen. Er sollte fortan ihre
andere Seite kennenlernen. Sie konnte auch unausstehlich arrogant
und rachsüchtig sein.
Am 19.6.1566 gebar sie ihren Sohn Jakob VI.(+ 1625), der ihr so wenig
ähnlich sein sollte und für den sie sich, selbst als sie es noch konnte,
so wenig Zeit genommen hatte.
Kurz nach dem Mordfall an David Riccio lernte sie den großen, breitschultrigen,
außerordentlich starken Grafen von Bothwell und Herzog von Orkney,
James Hepburn, kennen, dessen Ruf alles andere als unbefleckt war.
Als tollkühner Abenteurer und Frauenheld wurde er nicht nur von seinen
Geschlechtsgenossen bewundert, auch viele Frauen waren von ihm fasziniert.
Aber er galt auch als herrisch und gewalttätig. Man nimmt heute an,
daß Maria von diesem Mann, der seine Leidenschaften noch weniger als
die Königin unter Kontrolle hatte, vergewaltigt wurde. Aber statt
diesen Mann zu bestrafen, geriet die Königin in eine völlige körperliche
und seelische Abhängigkeit von ihm. Sie wurde ihm vollkommen hörig.
Auf ihren Befehl hin wurde er zum Oberbefehlshaber der Nordmark, schließlich
zum Großleutnant von Schottland und zum Oberkommandanten ernannt.
Bald schon war er ihr erster Ratgeber. Um ihre geschlechtliche Beziehung
legalisieren zu können, gab es jedoch zwei Hindernisse, Marias Mann
und Bothwells Frau.
Am 10.2.1567 - so behaupteten die Zeitgenossen - wurde das erste Hindernis,
Marias Ehemann, beseitigt. Dabei hatte Maria ihren entweder an Syphilis
oder Pocken - darüber sind die Historiker sich nicht einig - erkrankten
Mann nach Kirk o'Field, einem heruntergekommenen Haus in der Nähe
von Edinburgh, gelockt, um ihn, wie sie vorgab, in ihrer Nähe zu haben,
da sie sich so besser um ihn kümmern könnte. Dieses Haus wurde samt
dem Kranken, der angeblich von Bothwell zuvor erwürgt wurde, schließlich
in die Luft gesprengt. Die Täter blieben unerkannt.
Aber anstatt nun zumindest die traurige Witwe zu spielen, folgte Maria
schon eine Woche nach diesem Mord der Einladung eines gewissen Lord
Seton. Das zweite Hindernis, Bothwells Frau, Lady Jane Gordon, reichte
freiwillig die Scheidung ein. So konntenMaria und ihre neue große
Liebe am 15.5.1567 nach protestantischem Ritus getraut werden. Keiner
hatte sie von diesem verhängnisvollen Schritt abhalten können. Wenn
Maria Stuart sich zu etwas entschlossen hatte, ließ sie sich davon
von niemandem und nichts wieder abbringen.
Das schottische Volk war über die Königin, die es als Hure zu beschimpfen
begann, entsetzt und verlangte Gerechtigkeit im Namen des Ermordeten.
Maria und Bothwell mußten fliehen. Die schottischen Lords, denen es
schließlich gelang,Maria gefangenzunehmen, versuchten sie zu zwingen,
sich endgültig von Bothwell zu trennen und für ihren Sohn Jakob VI.
abzudanken. Sonst, so drohten sie, würden sie Maria öffentlich des
Ehebruchs und der Mordbeihilfe anklagen. Ihre Briefe, in deren Besitz
sie gelangt waren, würden genug Belastungsmaterial bieten. Das Volk,
aufgewühlt durch die reformierten Geistlichen, forderte mittlerweile
lautstark die Hinrichtung der Königin.
Nachdem Maria zugunsten ihres Sohnes am 24.7.1567 gezwungenermaßen
abgedankt hatte und im Schloß Lochleven, in dem sie von ihren eigenen
Leuten gefangengehalten wurde, ihrem dritten Ehemann noch eine Tochter
oder sogar Zwillinge geboren hatte, gelang ihr schließlich am 16.5.1568
die Flucht nach England, wo sie von Elisabeth I. in den unterschiedlichsten
Schlössern erst aufgenommen und schließlich 19 Jahre lang gefangengehalten
wurde. Bothwell selbst war schon längst nach Dänemark geflohen. Sich
von ihm scheiden zu lassen, willigte Maria jedoch erst 1570 ein. 1578
soll Bothwell, dem Wahnsinn verfallen, in einem Gefängnis in Dänemark
gestorben sein.
Zeitgenossen berichteten, daß Maria während ihrer Gefangenschaft oft
krank war und an Rheumatismus und an geschwollenen Beinen litt. Zudem
wurde sie korpulent. Ihre reichlich bemessene Freizeit füllte sie
mit Sticken und Lesen oder mit ihren Spaniel- und Wachtelhunden, Singvögeln
und Tauben. Außerdem kümmerte sie sich höchstpersönlich um die Blumen
im Garten und um die Frauen in ihrem Gesinde. Ihr Haushalt bestand
immerhin aus 30 bis 50 Köpfen. Ihre Zofen und Mägde rühmten alle ihr
weiche, nachgiebige Natur und ihre freundliche und herzliche Art.
Aber als ihre Hauptaufgabe sah Maria,die - schon getrieben von ihrem
Ehrgeiz und ihrer Lebensbegierde - nie aufgeben konnte, ihre Wiedereinsetzung
als Königin in Schottland. Da Elisabeth I. sich nicht bereit erklärt
hatte, ihr hierbei zu helfen, wandte sie sich über einen raffiniert
aufgebauten Spionagering an Verbündete in England und im Ausland,
besonders an Spanien und Frankreich.
Don Juan d'Austria (+ 1578), der Halbbruder Philipps II., der seit
1576 Gouverneur der Niederlande war, hatte den romantischen Traum,
nach der Befriedung der Niederlande in England einzufallen, Maria
zu befreien und mit ihr dann zusammen das Königreich England und Schottland
zu regieren. 1583 plante der bayrische Herzog Wilhelm V. der Fromme
(+ 1626), Maria mit seinem Bruder Ferdinand (1550-1608) zu verheiraten.
Für Elisabeth I. und für England wurde die ehrgeizige Maria zu einer
absoluten Gefahrenquelle.
Mehrere Mordanschläge wurden im Laufe der Gefangenschaft der schottischen
Königin gegen Elisabeth I., die von Maria verächtlich "Bastard" genannt
wurde, unternommen. Auch hohe Adlige wie der Herzog von Norfolk waren
bereit, für Maria, die er zu heiraten plante, ihr Leben zu lassen.
Wegen wiederholtem Hochverrates mußte Elisabeth ihn im Juni 1572 hinrichten
lassen.
England konnte nicht auf Ruhe hoffen, solange die schottische Königin
lebte. Ihretwegen mußte man jederzeit mit einer spanischen und französischen
Invasion rechnen. Die Ratgeber und Lords Elisabeths I. sahen, um einem
möglichen Krieg mit den katholischen Staaten zu entgehen und um ihre
Herrscherin vor weiteren Attentatsversuchen zu schützen, nur einen
Ausweg, die Verurteilung und Hinrichtung der Unruhestifterin. Nachdem
im Jahre 1586 - nach der Aufdeckung einer erneuten Verschwörung -
schwarz auf weiß nachgewiesen werden konnte, daß Maria die Ermordung
Elisabeths I. gebilligt hatte, konnte endlich gegen die schottische
Königin rechtlich vorgegangen werden.
Elisabeth I. war trotzdem erst nach langem Zaudern und großem Bedenken
bereit, das Todesurteil zu unterschreiben, denn Maria war wie sie
durch Geburt und feierliche Salbung Königin von Gottes Gnaden. Schließlich
fand am 8.2.1587 die Enthauptung Maria Stuarts im Fotheringhay Schloß
statt.
Ihre Hinrichtung beschrieb ihr Zeitgenosse L'Estoile: "Am 18.,
acht Uhr morgens, wurde sie in den großen Saal des Schlosses Fodringhaie
(Fotherinhay) auf ein schwarz ausgeschlagenes Schafott geführt. Sie
erstieg es, gefolgt von fünf ihrer Damen, und nachdem sie mit großer
Standhaftigkeit ihnen gesagt hatte, daß ihre Tränen eitel seien, bot
sie sich dem Tode mit nobler, mehr als männlicher Entschlossenheit
dar und zeigte viel Glaubensfestigkeit und nicht minder Frömmigkeit
in den Empfehlungen an ihren Sohn und ihre Diener. Sie wollte nicht
gestatten, daß der Henker sie entkleide, da sie an den Dienst eines
solchen Edelmannes nicht gewohnt sei. So zog sie selbst ihr Kleid
aus, kniete auf ein schwarzes Samtkissen und hielt ihr Haupt dem Henker
hin, der entgegen dem Privileg der Fürsten ihr von seinen Gehilfen
die Hände fassen ließ, um den Schlag sicherer zu vollstrecken. Dann
wies er das vom Rumpf getrennte Haupt dem Volke, das zu schreien begann:
»Es lebe die Königin!« Und da hierbei ihr Haarputz zu Boden fiel,
sah man, daß Gram und Kummer diese arme Königin im Alter von fünfundvierzig
Jahren ganz weiß und kahl gemacht hatten, sie, der in ihrem Leben
der Preis der schönsten Frau der Welt zugekommen war." (in: Paul
Wiegler, ebenda, S. 293-295).
Marias altkluger und egoistischer Sohn Jakob VI. wurde nach dem Tode
Elisabeths I. im Jahre 1603 als Jakob I. der rechtmäßige König von
Schottland und England.
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